Erfolgreich führen in einer komplexen Welt

» Den Haien entrann ich /
Die Tiger erlegte ich / Aufgefressen wurde ich von den Wanzen.«

Bertolt Brecht 1951

Bertolt Brecht bringt es hier auf den Punkt: in einer komplexer werdenden Welt sind es oft nicht die großen Zusammenhänge, an denen wir scheitern. Sondern es sind die vermeintlich kleinen Details, die uns in Schwierigkeiten bringen. Doch was hat das mit Führen in einer komplexen Welt zu tun?

Die Komplexität in Organisationen wird höher

Nehmen wir als Beispiel die Transport und Logistikbranche, in der ich lange als Führungskraft im HR-Bereich tätig war. Früher war Logistik der Transport von A nach B. Heute beinhaltet Logistik schon lange nicht mehr allein den reinen Warentransport. Immer öfter wird eine ganzheitliche Lösung erwartet. Das heißt, die gesamte Abwicklung wie Lagerung, Verpackung und Versand wird vom Logistiker übernommen. Gleichzeitig ist der Kunde bei jedem Arbeitsschritt mit dabei und kann genau verfolgen wie und wann die Arbeit erfolgt. Das steigert den Druck.

Der Druck steigt

Daten werden in Echtzeit verarbeitet. Die Paketauslieferungen sollen sich in Deutschland nach einer aktuellen McKinsey-Studie bis 2025 verdoppeln und Schnelllieferungen jährlich sogar um 40 % wachsen. Die Logistikprozesse werden durch die Globalisierung immer komplexer. Gleichzeitig muss sich die Branche intensiv mit der Digitalisierung befassen. Wird es zukünftig nur noch selbstfahrende LKWs geben und brauchen wir keine Fahrer mehr? Braucht es den klassischen Spediteur noch? Oder wird der Kunde sich durch einen digitalen Algorithmus den besten Transportweg aussuchen?

Die Logistik ist hier nur ein Beispiel, in anderen Branchen hat die Komplexität ähnlich zugenommen und wird noch weiter steigen.

Die Welt ist VUCA

Doch was heißt das für Führung? Die Anforderungen an Führungskräfte sind gestiegen. Eine Umstrukturierung jagd die nächste. Als Chef haben sie heute weniger Mitarbeiter und Ressourcen zur Verfügung, müssen aber in kürzerer Zeit mehr erreichen. Kommunikationsschnittstellen haben zugenommen. Sie haben Ihr Team nicht mehr direkt vor Ort, sondern ein Teil arbeitet im Büro nebenan, einige aus dem Homeoffice, wieder andere am anderen Ende der Welt. Dazu kommt der normale Wahnsinn des Führungsalltags, wenn es um schwierige Mitarbeiterkonstellationen, Konflikte im Team oder große Leistungsunterschiede geht. Wie sollen Sie dabei noch Ihre Ziele erreichen? Wobei wir schon beim nächsten Problem wären. Ihre Ziele – denn die können sich auch durchweg im Laufe des Jahres mehrmals ändern. Es ist auf nichts mehr Verlass.

Die Arbeitswelt wandelt sich rasch, Anforderungen ändern sich permanent. Ein neues Verständnis von Führung ist gefragt. Alle sprechen davon, dass die Arbeitswelt VUCA wird, doch was heisst das eigentlich?

V = Volatilität

Unbeständigkeit: bedeutet viele und schnellere Schwankungen im zeitlichen Verlauf. Gut nachvollziehbar ist das am Verlauf von Aktienkursen.

U = Uncertainty

Unsicherheit: Wir wissen beispielsweise nicht ob, unser Produkt in 5 Jahren noch erfolgreich ist. Eine neue Technologie macht unser Geschäftsmodell über Nacht obsolet. Denken wir hier nur an die Hersteller von Kameras: wer hätte vor 15 Jahren gedacht, dass die Fotos, die wir mit unserem Handy schießen, sich heute kaum noch von der Qualität einer Spiegelreflexkamera unterscheiden? „Wer plant, der irrt“ heißt hier das Motto.

C = Complexity

Komplexität. Die Anzahl von Einflussfaktoren auf mein System, Organisation, Abteilung wird immer größer. Aber auch die gegenseitige Abhängigkeit der Einflussfaktoren voneinander.

A = Ambiguity

Ambiguität/Vieldeutigkeit: Situationen, Informationen, aber auch Kommunikation sind mehrdeutig und nicht mehr eindeutig zu bewerten. Nicht mehr schwarz oder weiß, gut oder schlecht. „Und was heisst das jetzt für uns?“ ist dabei eine häufig gestellte Frage von Mitarbeitern an den Chef.

Ein neues Verständnis von Führung ist gefragt

Unter diesen Rahmenbedingungen müssen Führungskräfte tagtäglich Entscheidungen treffen, auch wenn sie die Auswirkungen nicht absehen können. Gleichzeitig müssen sie Ihren Mitarbeitern in unsicheren Zeiten Sicherheit geben. Denn nichts lähmt Menschen in Ihrer Leistungsfähigkeit, Kreativität und ihrem eigenständigen Denken, Handeln so stark wie Unsicherheit. Unsicherheit ist der kleine Bruder der Angst, einem, wie wir wissen, sehr starkem Gefühl. Auch ein wichtiges Gefühl, denn es schützt uns vor Gefahr. Gleichzeitig schränkt es uns ein und nimmt uns den Mut, aktiv zu handeln.

Gerade Sicherheit können sie als Führungskraft bezogen auf zukünftige Entwicklungen heute oft nicht mehr geben. Da ist beispielsweise die kommende Umstrukturierung und die Frage: wird es unsere Abteilung in der Form in Zukunft noch geben? Sind unsere Arbeitsplätze sicher? Und sie als Führungskraft können oder dürfen keine Antworten geben.

Führung heisst, Sicherheit geben

Sie können ihren Mitarbeitern jedoch eine andere Art der Sicherheit geben. In dem sie ihnen das Gefühl gebe, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun werden, um ihre Interessen zu vertreten. Ihnen zu signalisieren, dass sie jederzeit als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Um die Antworten zu geben, die sie geben können. Fragen sie ihre Mitarbeiter: „Was brauchst Du jetzt von mir um angesichts dieser unsicheren Situation gut arbeiten zu können?“ Und immer wieder: kommunizieren, kommunizieren, kommunizieren, so transparent wie möglich. Und wenn sie gerade nichts kommunizieren können dann sagen sie dass sie gerade nichts kommunizieren können.

Das erfordert eine andere Haltung als Chef. Wir sind als Führungskräfte meist in der Rolle des Troubleshooters, von uns wird erwartet, schnelle Lösungen, Ergebnisse und Antworten zu geben. Das können wir in eben diesen komplexen Situationen nicht. Wir gehen einen Schritt zurück und gehen in die Rolle des Zuhörers, des Fragenden, zeigen Interesse und Verständnis.

Von Haien und Tigern

Was hat das nun mit Bertolt Brechts Zitat zu tun? Sie sind dem Hai entronnen, haben den Tiger erlegt, mit viel Druck vielleicht die nächste Umstrukturierung umgesetzt. Oder das wichtige Projekt zuende gebracht. Doch dabei haben sie den Kontakt zu ihren Leuten verloren, waren nicht achtsam und präsent. Es sind die kleinen Details, die wir in der Zusammenarbeit übersehen und die uns zum Stolpern bringen. Sie haben einmal nicht richtig zugehört? Oder die Unsicherheit ihrer Mitarbeiter im Zusammenhang mit Veränderungen nicht wahrgenommen? Das wird sie mit Sicherheit an anderer Stelle einholen. Nämlich genau dann,wenn sie die Unterstützung ihrer Leute und den Zusammenhalt im Team brauchen. Lassen sie es nicht soweit kommen.

In meinem nächsten Blogartikel nenne ich ihnen meine 7 Tipps, was sie konkret tun können, um erfolgreich in einer komplexer werdenden Welt zu führen.

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